Es dauerte nicht sehr lange nach unserem Einzug ins Cottage und wir hatten zum ersten Mal Besuch. Erstmal war die Familie dran. Falks Eltern hatten sich Anfang Mai für vier Tage angekündigt, also planten wir viele Highlights in unserer näheren Umgebung eng getaktet für sie ein. Das Problem, wo wir sie unterbringen würden, hatten wir schon mal nicht – schließlich ist unser Haus hier ziemlich groß mit Platz für mindestens vier weitere Personen. Aufgeregt und gespannt, was unsere ersten Gäste wohl zum Haus und zu Irland sagen würden, bereiteten wir alles sorgfältig vor. Als es soweit war, fuhren wir dann zum zwei Stunden entfernten Flughafen Kerry, um die beiden abzuholen. Im Auto wurden sie schon von typisch irischen Getränken begrüßt, sodass die doch recht lange Fahrt zurück zum Haus wenigstens für drei von uns wie im Fluge verging. Nachdem dann unser neues Zuhause auf Zeit ausreichend besichtigt und bewundert wurde, setzen wir uns noch gemütlich ins Wohnzimmer vor den Kamin und erzählten. Allzu spät ging es nicht ins Bett, schließlich war für die kommenden Tage so einiges geplant…

Ankommen, staunen, genießen

Als erstes stand die Hauptstadt unseres Countys Clare auf dem Programm. In Ennis angekommen, führten wir Falks Eltern erstmal durch die niedlichen, kunterbunten Gassen der mittelalterlichen Innenstadt und zeigten ihnen ein paar Sehenswürdigkeiten. Zum Mittag gingen wir in den typisch irischen, urigen Knox’s Pub samt Restaurant. Dieses Lokal ist wirklich toll dekoriert, es hängt sogar ein passendes Fahrrad von der Decke. Wenn man hier nicht sofort in Irland-Stimmung versetzt wird, dann wissen wir auch nicht.

Nach dem leckeren Mittagessen ging es als Highlight des Tages in den Burren. Auch wenn das Wetter heute nicht besonders mitspielte, konnte die steinige Karstlandschaft beeindrucken. Als i-Tüpfelchen besuchten wir das Poulnabronne Dolmen, eine uralte, tonnenschwere Grabstätte, die älter sein soll als die Pyramiden von Gizeh. Dort testeten Falks Mutter und ich wer stärker ist, indem wir versuchten einen riesigen Felsbrocken zu verschieben. Als wir daran scheiterten, setzte sich Falk auf ihn und bewegte ihn allein mit seinen meditativen Kräften – zumindest in seinen Gedanken. 😉
Nach dem Kräftemessen, zeigten wir den beiden noch den Hexengarten der Burren Perfümerie – eine versteckte Oase inmitten der Steinmassen.

Berge versetzen muss geübt sein | Moving mountains wants to be practised

Den Tag ließen wir in einem guten Fischrestaurant, dem Barrtrá Seafood Restaurant bei Lahinch, mit Blick aufs Meer und einem guten Tropfen Wein ausklingen. An das exotische Fischmenü samt Muscheln & Co. trauten sich Falk und ich jedoch noch nicht heran. Wir blieben dann doch lieber beim vegetarischen Menü. Unsere Experimentierfreudigkeit wurde erst im Laufe der Zeit in Irland größer.

Von sonderbaren Heilungen und spektakulären Aussichten

Am nächsten Morgen geschah ein kleines Unglück: Falks Vater verhob sich ungünstig und bekam einen schmerzhaften Hexenschuss. Ein Grund mehr, als aller erstes an diesem Tag zur Quelle der heiligen St. Brigid in Liscannor – der wohl beliebtesten und berühmtesten heiligen Quelle Irlands – zu fahren. Die grüne Insel beherbergt mehr als 3000 heilige Quellen, von denen wenigstens 15 St. Brigid gewidmet sind. In der irischen Folklore ist Brigid, auch „Mary of the Gaels“ also „Maria der Gälen“ genannt, die Göttin der höheren Hemisphären, des höheren Lernens und Bewusstseins und zeitgleich die Göttin der Druiden sowie die Ziehmutter von Jesus. Hinweise auf die Druidensprache können bei genauerem Hinsehen noch heute in dieser Quelle entdeckt werden.
Das ist jedoch nicht das einzige, was in der offenen Steingrotte rund um die Quelle zu sehen ist. Abertausende von alten und neuen Andenken, Fotos, Kerzen, Gebeten und Stofffetzen schmücken die feuchte und etwas unheimliche Grotte und darüber hinaus die Bäume und Sträucher, welche den Weg zum alten Friedhof auf dem Hügel dahinter säumen. Dieser Friedhof ist die letzte Ruhestätte für zahlreiche mytische Könige und Clanführer des ehemaligen Irlands.

Im ersten Augenblick ist der Anblick überwältigend, man wundert sich über den vielen „Müll“, den die Menschen hier überall aufgehangen haben. Bei längerem Verweilen und genauerer Betrachtung jedoch wird einem bewusst, dass sich hier viele Menschen einfach Hilfe von ihrer Brigid für sich oder ihre Liebsten erhofft haben. Vor der Grotte befindet sich ein runder Platz, in dessen Mitte eine Figur von St. Brigid in einem gläsernen Kasten mit Blick auf Lahinch und den Atlantik thront. Darum verteilt liegen viele mit Gebeten und Wünschen beschriftete Steine. Beim Lesen hätte ich mich stundenlang aufhalten können, denn Menschen aus aller Welt haben hier ihre Spuren hinterlassen. Wenn man sich etwas Zeit nimmt und offen dafür ist, wird man die mysteriöse Anziehungskraft der Quelle und dem Drumherum bemerken, die sie selbst in einem Land, das für seine Mythen und Straßenrandschreine bekannt ist, besonders macht.

Jetzt werden sich einige sicher fragen, was das mit dem Hexenschuss zu tun hat. Diese Quelle in Clare ist eine der ältesten von denjenigen, denen magische, heilende Kräfte nachgesagt werden. So manch einer soll schon seine Krücken nach einem Besuch der heiligen Quelle stehen gelassen haben, weil er geheilt wurde. Allerdings ist für die Heilung eine aufwendige Prozedur bestehend aus mehreren Gebeten auf Irisch, bestimmten Wegabläufen um die Figur herum sowie dem anschließenden Gebet an und Trinken aus der Quelle nötig. Einen Versuch war es trotzdem wert, und so trank Falks Vater mutig von der Quelle – wenn das Wasser auch nur schwer erreichbar war und aus einem fremden, nicht gerade sauberen Messbecher getrunken werden musste. Er behauptete zumindest, dass es ihm schon etwas besser ginge (das könnte jedoch auch an der zuvor eingeworfenen Schmerztablette gelegen haben ;).

Zum Mittag ging es für einen kurzen Abstecher nach Lahinch an den Strand. Frisch „geheilt“ und gestärkt konnte es nun ja sportlich weitergehen. Nach einer kurzen Fahrt über Stock und Stein, stellten wir unser Auto ab und stiefelten bergauf erstmal zum Hag’s Head – einem Teil der Cliffs of Moher, wo die Klippen erst ca. 120 Meter hoch sind. Von hier aus wanderten wir den etwa fünf Kilometer langen Klippenpfad entlang zum Besucherzentrum der Cliffs of Moher. An diesem Tag war es recht neblig, trüb und es nieselte, was den Klippen einen mystischen und leicht düsteren Anblick verlieh. Der Anstieg auf dem Weg zum wortwörtlichen Höhepunkt der Klippen hält sich in Grenzen, sodass die Wanderung selbst für ältere Leute (oder Menschen mit Hexenschuss) gut bewältigbar ist. Wir brauchten zwischen eineinhalb und zwei Stunden für die Strecke und wurden am Ende mit einem respektablen Ausblick belohnt. Zumindest war es nicht so extrem neblig und zugezogen, wie es hier sonst manchmal ist. Dann sieht man die Hand vor den Augen nicht und muss stundenlang auf Besserung hoffen. Heute konnte man in naher Ferne sogar die drei Aran Islands erkennen. Da es für Falks Eltern zu anstrengend gewesen wäre, den ganzen Weg wieder zurückzulaufen, besorgten wir uns ein Taxi zurück zu unserem Auto.
Am Abend verwöhnten wir unseren Besuch mit einem selbstgemachten BBQ samt irischem Kartoffelsalat.

Eine wacklige Angelegenheit

Der nächste Tag begann schon recht früh, denn wir hatten einen festen Termin, den wir nicht verpassen durften. Wir mussten pünktlich bei der Fähre sein, um auf die kleinste der drei Aran Islands vor der Küste von County Clare und Galway zu gelangen. Vorher wollten wir unseren Gästen jedoch nicht das kleine, berühmte Doolin vorenthalten, von dessen Hafen aus, die Fähre ging. Doolin ist vor allem für seine guten traditionellen Pubs mit täglicher irischer Live-Musik bekannt. Nach einem kleinen Spaziergang durch den Ort und einigen Fotostopps, ging es für uns auf das Boot – eine wacklige Angelegenheit! Die Überfahrt dauerte eine Stunde und einige wurden dabei ziemlich seekrank. Obwohl das Wetter heute richtig gut war inklusive blauem Himmel und Sonnenschein, war das Meer doch recht unruhig und es schwankte doch sehr. Wir waren froh, als es endlich vorbei war und freuten uns nicht gerade auf die Rückfahrt.

Aber egal, nun hatten wir knapp fünf Stunden Zeit, um die Insel Inis Oírr (anglisiert Inisheer und zu Deutsch östliche Insel) zu erkunden. Wir entschieden uns dazu, ein paar Fahrräder auszuleihen und die Insel selbstständig zu erkunden. Bereits zu Beginn wurde deutlich, dass die Aran Inseln tatsächlich Verlängerungen des Burren auf dem Festland sind. Ein feinmaschiges Netz aus niedrigen Steinmauern war das, was uns als erstes ins Auge stach. Wir erfuhren, dass die abgegrenzten Parzellen deshalb so klein sind, weil der nur 15 Zentimeter tiefe Ackerboden sonst von den peitschenden Winden in Nullkommanichts weggeweht werden würde. Dieser fruchtbare Boden wurde überhaupt erst durch das mühevolle und langwierige Schichten von Seetang und Meeresalgen erzeugt, ansonsten würde auf diesem kargen Steinboden nichts Essbares wachsen. Wie beeindruckend – die wenigen Familien, die hier seit Jahrhunderten leben, hatten es noch nie leicht. Das ist wohl auch ein Grund, wieso die Uhr hier noch viel langsamer zu ticken scheint, als sonst sowieso schon in Irland. So wurde beispielsweise erst 1997 eine zuverlässige Stromversorgung auf Inis Oírr eingerichtet und Internet gibt es auch noch nicht sehr lange. Wer hier noch den beschwerlichen Ackerbau oder Viehzucht betreibt, wird vom Staat finanziell unterstützt. Ansonsten wird langsam immer mehr zu einer auf Tourismus basierenden Wirtschaft umgeschwenkt, was in den besucherstarken Sommermonaten auch kein Problem darstellen sollte.

Wir fuhren also eine Weile mit unseren Rädern auf einem der zwei Wege der Insel entlang, links gesäumt von Steinmauern und rechts vom blauen Wasser des Atlantik, bis wir in der Ferne eine kleine Kegelrobbenkolonie entdeckten. Von weitem konnte man sie nur schwer erkennen, aber es blieb uns keine Zeit extra zu ihnen zu kraxeln. Ein paar hundert Meter weiter entdeckten wir dann ein Denkmal mit einem Loch, das uns neugierig machte. Es war ein Gedenkstein für alle im Meer ums Leben gekommenen Menschen – ein weiterer Hinweis darauf, dass das Leben auf und um diesen Inseln kein Zuckerschlecken ist.

Anschließend stießen wir auf eine weitere heilige Quelle namens Well of Enda, Turas oder auch Tobar Éinne. Es sei Brauch, dass die Einheimischen an drei aufeinander folgenden Sonntagen hier her pilgern, sieben Steine aufheben, die Quelle sieben Mal umrunden, wobei jedes Mal ein Stein fallen gelassen wird und ein sogenannter Rosenkranz gesprochen wird. Wenn man alles richtig gemacht hat, soll ein sonderbarer Aal erscheinen, der einem die Zunge mit bestimmten Kräften ausstatten soll. Anschließend soll es einem zum Beispiel tatsächlich möglich sein, Wunden gesundlecken zu können. Das probierten wir jedoch nicht aus. Wir nutzten die Quelle als kurzen Zwischenstopp und Falk ließ seine Drohne kurz fliegen.

Nach der Fahrt durch einen kleinen Ort und der Erkundung dessen Dorfkirche, gelangten wir endlich an unser persönliches Highlight der Fahrradtour. 1960 erlitt das Frachtschiff „Plassy“ bei einem Unwetter Schiffbruch und wurde hoch in die Felsen an die Stelle geschleudert, an der es heute noch vor sich hin rostet. Wie durch ein Wunder überlebte damals trotzdem die gesamte Besatzung. Wir genossen den unwirklichen Anblick dieses rostigen Ungetüms, wie es da vor der Kulisse des strahlend blauen, wolkenlosen Himmels auf den grauen Kalksteinfelsen lag. Auch hier ließ es Falk sich nicht nehmen, wieder alles mit der Drohne aus der Luft zu erkunden und auch ich kam auf meine Kosten. Dabei sind nicht wenige Fotos entstanden, deren Anblick uns noch heute faszinieren. Bitte entschuldigt also die große Menge an Bildern, aber vielleicht gefällt es euch ja auch so gut!

Bevor es zum Fährboot zurückging, mussten wir uns nun  ein wenig beeilen, denn wir wollten uns noch den Leuchtturm der Insel ansehen. Der Anblick von weit weg schien vielversprechend zu sein. Dort angekommen mussten wir jedoch feststellen, dass der Zugang zum Turm versperrt war und der Weg quasi umsonst war. Schnell radelten wir den weiten Weg zurück zur Fähre, wo wir verschwitzt ankamen, nur um zu erfahren, dass sie sowieso Verspätung hatte. Nun blieb uns noch Zeit für ein leckeres Eis zur Erfrischung.

Erst jetzt fiel uns auf, dass unsere Gesichter trotz milder Temperaturen zwischen 10 und 15 Grad, durch einen heftigen Sonnenbrand gezeichnet waren. Wir waren der Überzeugung, dass es Dinge gibt, die man in Irland nicht sagt und dazu gehörte für uns ganz sicher:

„Ich glaube, ich habe einen Sonnenbrand!“

Wer hätte das gedacht? Mittlerweile wissen wir natürlich, dass man sich in Irland bei Sonne, egal bei welchen Temperaturen, sehr wohl einen Sonnenbrand holen kann und zwar nicht zu wenig. Ob es an der frischen Meeresbrise liegt, die die Luft kühler erscheinen lässt, als sie in Wirklichkeit ist, oder ob die UV-Strahlung aus anderen Gründen stärker ist als anderswo – auf jeden Fall ist uns jetzt klar: Die Sonnencreme muss immer dabei sein, auch wenn man nicht so blass ist wie der typische Ire!

Auf der Rückfahrt mit der Fähre verkrochen wir uns ins Bootsinnere, wo es etwas weniger schaukelte und schliefen alle ein, so geschafft waren wir.
Hungriger dennje fuhren wir zurück und gingen im Byrnes Restaurant mit Blick auf die noch rauschenden Kaskaden von Ennistymon essen. Ich schreibe „noch“, weil Irland schon bald eine lange Dürreperiode heimsuchen sollte. Nach einem Nickerchen und einer ordentlichen Dusche, besuchten wir am letzten Abend mit Falks Eltern noch einen Pub, der rege besucht wurde und in dem traditionelle Live-Musik gespielt wurde.

Féile na Bealtaine

Zum Abschluss servierten wir unserem Besuch ein echtes irisches Frühstück für den langen Tag, der noch vor uns lag. Für den letzten Tag war nämlich noch etwas ganz besonderes geplant. Es war Anfang Mai und in vielen irischen Orten fand an diesem Wochenende das Féile na Bealtaine, also eine Art Maifest statt. Ganz besonders schön sollte es in Dingle sein, also nahmen wir als Abkürzung die Fähre von Killimer nach Talbert, welche County Clare und Kerry direkt verbindet und nicht über den Land-Umweg durch County Limerick führt. Auf der Halbinsel Dingle angekommen, wollten wir Falks Eltern die höchste befahrbare Straße Irlands, den Connor Pass, nicht vorenthalten. Jedoch war die Sicht mal wieder ziemlich bescheiden…

 

In der gleichnamigen Hauptstadt der Peninsula ging anschließend so richtig die Post ab. Das Féile na Bealtaine versprühte eine fantastische Stimmung, überall traf sich Jung & Alt zum Feiern mit reichliche Musik und Konfetti. Wir haben versucht diese besondere Athmosphäre in Fotos sowie in einem kleinen Videozusammenschnitt festzuhalten.

 

Als die Party vorbei war, besichtigten wir außerdem noch eine schöne Kirche und bewunderten eine Skulptur, die ausschließlich aus alten Fahrradreifen gefertigt wurde (DAS Highlight für Falks Vater).

Auf dem Weg Richtung Flughafen fuhren wir noch an der mit herrlichen Ausblicken gesäumten Küstenstraße auf der Dingle Peninsula entlang, bis wir den Inch Strand erreichten. Hier waren wir auch zuvor schon einmal gewesen, jedoch bei saghaft schlechtem Wetter. Nun war das Wetter perfekt und der Anblick der Meeresenge namens Dingle Bay mit den Bergen von Kerrys benachbarter Halbinsel im Hintergrund atemberaubend. Ein krönender Abschluss für unseren ersten Besuch!

Nachdem wir am Inch Strand zu Mittag gegessen hatten, wurde uns der Weg zum Flughafen zwischenzeitlich von einer Herde Kühe versperrt – typisch Irland (okay, manchmal sind es auch Schafe)! Der Abschied am winzigen Flughafen Kerry war nicht unser letzter – es sollten noch einige weitere Besuche folgen, die hier wieder enden würden…

Slán,
Verena & Falk

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